Seit das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) im Juni 2025 in Kraft getreten ist, fragen sich viele Betreiber: Ist meine Website eigentlich barrierefrei? Die gute Nachricht: Einen ersten, aussagekräftigen Eindruck können Sie sich in einer Stunde selbst verschaffen – mit kostenlosen Werkzeugen, Ihrer Tastatur und etwas Geduld. Die ehrliche Nachricht: Ein vollständiges Urteil ersetzt das nicht.

Dieser Ratgeber zeigt Schritt für Schritt, wie Sie Ihre Website testen, was die Ergebnisse bedeuten und wann ein professioneller Test sinnvoll ist. Ob Ihr Unternehmen überhaupt vom BFSG betroffen ist, klärt unsere BFSG-Checkliste.

Woran wird Barrierefreiheit gemessen?

Der Maßstab sind die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG), in Europa übernommen über die Norm EN 301 549. In der Praxis zählt die Stufe WCAG AA. Die Richtlinien lassen sich auf vier Grundprinzipien herunterbrechen:

  • Wahrnehmbar: Inhalte sind für alle Sinne zugänglich, etwa Bilder mit Textalternative, ausreichende Kontraste.
  • Bedienbar: Alles funktioniert auch ohne Maus, zum Beispiel per Tastatur.
  • Verständlich: Texte, Formulare und Fehlermeldungen sind klar.
  • Robust: Der Code ist sauber, damit Hilfsmittel wie Screenreader ihn zuverlässig auslesen können.

Schritt 1: Automatischer Schnelltest

Automatische Prüfwerkzeuge finden typische Fehler in Sekunden. Kostenlos und verbreitet sind:

  • Lighthouse: in Google Chrome eingebaut (Entwicklertools, Reiter „Lighthouse“, Kategorie „Barrierefreiheit“). Liefert eine Punktzahl und eine Fehlerliste.
  • WAVE: eine Browser-Erweiterung, die Probleme direkt auf der Seite markiert – anschaulich auch für Laien.
  • axe DevTools: eine Browser-Erweiterung mit sehr präzisen Ergebnissen, die auch Entwickler gern nutzen.

Prüfen Sie nicht nur die Startseite, sondern auch eine typische Unterseite, das Kontaktformular und eine Seite mit vielen Bildern.

Wichtig: Automatische Tools erkennen nur einen Teil der Barrieren. Ob ein Alternativtext sinnvoll ist, ob die Reihenfolge logisch ist oder ob ein Formular verständlich bleibt, kann keine Software beurteilen. Eine hohe Punktzahl ist ein gutes Zeichen, aber kein Nachweis.

Schritt 2: Der Tastaturtest

Der aufschlussreichste Test braucht kein Werkzeug. Legen Sie die Maus beiseite und bedienen Sie Ihre Website nur mit der Tastatur:

  • Mit Tab springen Sie vorwärts durch Links, Schaltflächen und Formularfelder, mit Umschalt + Tab zurück.
  • Mit Enter lösen Sie Links und Schaltflächen aus, mit der Leertaste Kontrollkästchen.

Achten Sie auf diese Fragen:

  • Sehen Sie jederzeit, wo Sie sich befinden? Das aktive Element braucht einen deutlich sichtbaren Rahmen.
  • Ist die Reihenfolge logisch? Der Fokus sollte der Lesereihenfolge folgen, nicht wild über die Seite springen.
  • Kommen Sie überall hin – und wieder heraus? Menüs, Aufklapper, Cookie-Banner und Pop-ups müssen sich per Tastatur öffnen und schließen lassen.
  • Lässt sich das Kontaktformular komplett ausfüllen und absenden?

Wer an diesem Test scheitert, hat meist echte Barrieren für Menschen, die keine Maus nutzen können.

Schritt 3: Kontraste und Zoom prüfen

  • Kontrast: Normaler Text braucht ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1 zum Hintergrund, großer Text 3:1. Hellgraue Schrift auf weißem Grund fällt hier häufig durch. Prüfen lässt sich das mit WAVE oder einem kostenlosen Kontrastrechner.
  • Zoom: Vergrößern Sie die Seite im Browser auf 200 Prozent. Bleibt alles lesbar, ohne dass Texte abgeschnitten werden oder sich überlagern?
  • Farbe allein: Werden Informationen nur über Farbe vermittelt, etwa ein rot markiertes Pflichtfeld ohne zusätzlichen Hinweis? Dann fehlt eine zweite Kennzeichnung.

Schritt 4: Mit dem Screenreader hören

Screenreader lesen Websites für blinde und sehbehinderte Menschen vor. Ein kurzer Test lohnt sich, auch wenn die Bedienung ungewohnt ist:

  • Windows: NVDA (kostenlos)
  • Mac und iPhone: VoiceOver (eingebaut)
  • Android: TalkBack (eingebaut)

Hören Sie sich Ihre Startseite an. Werden Bilder sinnvoll beschrieben? Werden Überschriften als solche erkannt? Sind Links verständlich, auch ohne Zusammenhang – oder hören Sie zehnmal „mehr erfahren“? Haben Formularfelder hörbare Beschriftungen?

Schritt 5: Inhalte und Struktur

  • Überschriften: Eine Hauptüberschrift pro Seite, darunter eine logische Gliederung. Überschriften dürfen nicht nur optisch groß sein, sie müssen im Code als Überschriften ausgezeichnet sein.
  • Alternativtexte: Jedes inhaltlich wichtige Bild braucht eine kurze Beschreibung. Rein dekorative Bilder bekommen bewusst eine leere Alternative.
  • Verständliche Sprache: Kurze Sätze, klare Begriffe, Abkürzungen erklären.
  • PDFs: Wichtige Dokumente sollten ebenfalls barrierefrei sein – oder der Inhalt zusätzlich als normale Webseite vorliegen.

Was die Ergebnisse bedeuten

Ergebnis Einordnung
Wenige Hinweise im Schnelltest, Tastatur funktioniert gute Basis, gezielt nachbessern
Viele Kontrastfehler, fehlende Alternativtexte lösbar, meist ohne Neuaufbau
Tastatur-Bedienung scheitert, Menü nicht erreichbar grundlegende Probleme im Aufbau
Baukasten oder Theme mit starren Vorgaben oft nur durch Umbau oder Relaunch lösbar

Wann ein professioneller Test sinnvoll ist

Ihr Selbsttest zeigt, wo Sie stehen. Wer vom BFSG betroffen ist oder eine verbindliche Aussage braucht, sollte zusätzlich prüfen lassen – etwa nach dem anerkannten BITV-Test-Verfahren oder durch einen Dienstleister, der die WCAG-Kriterien vollständig durchgeht und Menschen mit Behinderungen in die Tests einbezieht. Wir sind eine Agentur, keine Prüfstelle: Unsere Hinweise ersetzen keine formale Konformitätsbewertung.

Steht ohnehin eine Überarbeitung an, ist der Relaunch der günstigste Moment, Barrierefreiheit von Grund auf einzubauen.

Häufige Fragen

Reicht ein Barrierefreiheits-Plugin oder Overlay?

Nein. Werkzeuge, die per Skript eine Leiste mit Schriftgrößen und Kontrastschaltern einblenden, beheben die eigentlichen Probleme im Code nicht. Sie können Hilfsmittel sogar stören. Barrierefreiheit entsteht im Aufbau der Seite, nicht durch eine nachträgliche Schicht.

Wie oft sollte ich meine Website testen?

Nach jeder größeren Änderung, und darüber hinaus etwa einmal im Jahr. Neue Inhalte bringen neue Bilder, Tabellen und Formulare – und damit neue mögliche Barrieren.

Was kostet es, eine Website barrierefrei zu machen?

Das hängt stark vom Ausgangszustand ab. Kontraste und Alternativtexte nachzubessern, ist überschaubar. Muss die Navigation oder das Template grundlegend umgebaut werden, wird es aufwendiger. Ein ehrlicher Selbsttest wie oben ist die beste Grundlage für eine Einschätzung.

Fazit: Testen ist der erste Schritt

Eine Stunde mit Schnelltest, Tastatur und Screenreader zeigt Ihnen mehr über die Zugänglichkeit Ihrer Website als jede Punktzahl allein. Wenn Sie dabei auf Probleme stoßen, ist das kein Grund zur Panik, sondern eine Arbeitsliste.

Bei mattschach bauen wir barrierefreie Websites von Grund auf: semantischer Code, Tastaturbedienung, geprüfte Kontraste – in Schritten mit Festpreis. Wenn Sie Ihre Ergebnisse einordnen lassen wollen: Schreiben Sie uns.